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Einfach machen

Surf and Soul: Das klingt harmonisch. Eigenartig ist das, weil es im Widerspruch zum Inhalt der Worte steht. So harmonisch sind Surfen und die Seele eigentlich nicht. Beim Surfen sieht man das leicht: Wind, Wellen, Strömung – wer nicht aufpasst, begibt sich in große Gefahr. Das Meer ist unerbittlich, aber gerade das fasziniert. Bei der Seele ist das weniger offensichtlich, weil man sie einem Menschen nicht ansieht. Aber es braust ebenso in einem, man kennt es. Ängste, Herausforderungen, die Unwägbarkeiten des Lebens, aber auch Momente des Glücks, Erfolge, menschliche Beziehungen. Die Seele ist ein Meer, das uns mit seiner Schönheit verzaubert und uns in Angesicht seiner unendlichen Weite Furcht einflößt. 

 

Harmonisch ist Surf and Soul also nicht und doch beglückt es ungemein. Nach einer Woche Seelensurfen schlagen die Wellen weniger hoch, der Wind ist abgeflaut und die Küste ist wieder in Sicht. Alles halb so wild. Was kann mir denn mit einem festen Brett unter den Füßen so kurz vor dem Strand passieren? Wenn ich ins Wasser falle, weiß ich jetzt, wie ich mich wieder aufrichte und wie es weitergeht mit mir und dem Brett. Wobei, manchmal fährt das Brett auch mit mir. Nicht immer hat man alles unter Kontrolle, auch wenn es läuft. Das ist so eine Erkenntnis von „Surf and Soul“. 

 

Eine Woche „Surf and Soul“ mit Esther Göbel regen zum Nachdenken und Reflektieren an. Und sie produzieren ordentlich Muskelkater. Körper und Kopf sind gleichermaßen gefordert. 

Das tut gut, weil es ganzheitlich durchrüttelt. Wer Muskelschmerzen weniger erfreulich findet als geistreiche Gedanken, dem seien Magnesium-Brausetabletten für das Reisegepäck empfohlen. Die Körpermarter wird so erträglich. Nun hört sich das wilder an, als es ist. Windsurfen ist ein dankbarer Sport für Anfänger. Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein. 

 

Fünf Tage lang ging unser Kurs, etwa zwei Stunden pro Tag waren wir auf dem Wasser. Am ersten Tag stand ich auf dem Brett, am zweiten fuhr ich geradeaus, am dritten konnte ich beim Fahren wenden, am vierten lernte ich zu steuern und am letzten Tag flog ich kaum noch vom Brett. Dass ich in dieser Woche tatsächlich windsurfen lernen kann, hat mich überrascht und umso mehr gefreut. Ich bin nicht ungeschickt auf zwei Beinen, beim Völkerball in der Schule wurde ich aber immer als Vorletzter in ein Team gewählt. Wir wissen alle, was das heißt. Sport mag ich, aber bitte nur, wenn niemand zuschaut. 

 

Die Angst vor der Blamage habe ich ausgeschaltet, als ich mich für den „Surf and Soul“-Kurs angemeldet habe. Das hat sich gelohnt. Umgeben von Anfängerinnen und Anfängern werden sich alle gleich, die Freude über die ersten gesurften Meter wird zur Freude für die ganze Gemeinschaft. So ein Surf-Kurs ist eine feine Sache. Übrigens, zum Beobachten der Surf-Erfolge der anderen Teilnehmenden hat man kaum Gelegenheit, denn das ist eine weitere der vielen Erkenntnisse dieser Surf-Übungen: Wenn ich mich nicht vollständig auf mich und mein Brett fokussiere, plumpse ich ins Wasser. Da hilft kein Gegensteuern oder Festhalten mehr. Das ist eine Einsicht, die trägt auch für den Beruf, die Uni oder das Leben halt. Wer andauernd ins Wasser fällt, merkt aber ebenso, dass es so schlimm nicht ist. Tut nicht weh und man kann einfach weitermachen.

 

Sowieso, ‚Einfach machen‘ ist die zentrale Losung für die Woche „Surf and Soul“. Neben den täglichen Surfkursen gibt es Soul-Einheiten. Das sind kurze Impuls-Sitzungen im Stuhlkreis mit Einführungswissen über Exerzitien, deren Erfinder Ignatius von Loyola, über Beten, Meditation und Co. Alles wird leicht verständlich und als feine Häppchen proportioniert serviert. Mit dem Seelenfutter und eins, zwei Fragen zum Weiterdenken wird man täglich aus dem Stuhlkreis geschickt und dann steht einem für mehrere Stunden die Welt offen. Teetrinken, einsamer Spaziergang in den Dünen oder lieber ein Mittagsschläfchen? Nachdenken, Schreiben oder einfach sein? Egal, Hauptsache es tut gut. So oder so, die Gedanken sprudeln. Ehe man einen Gedanken fertiggebracht hat, ist die Woche schon vorbei. Und einen Surfschein hat man plötzlich auch noch. Weiteren Surf-Erfahrungen steht damit nichts im Wege. Dem Nachdenken ja sowieso nicht. Noch eine letzte Erkenntnis: Esther Göbels Idee vom Surfen als Metapher für das Leben trägt. Es ruckelt und wackelt, die Balance ist nicht immer einfach und manchmal fällt man, aber es macht doch großen Spaß. So wie das Leben auch. 

 

Leon Igel, 25, Germanist und freier Journalist, Mannheim. 

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