Vom Surfen und dem Leben

Es hat gute drei Tage gedauert, bis ich an dem Punkt war, aber am Vormittag des vierten Tages war mir auf einmal sehr deutlich, warum es Soul & Surf heißt bzw. warum beide Elemente so gut zusammenpassen. Und das tun sie auf zwei Ebenen.

Zum Einen bilden sie die Balance aus körperlicher und geistiger Beschäftigung und Herausforderung. Und wie wir bei den Impulsen von Ignatius von Loyola gelernt haben, sind Extreme — egal in welcher Hinsicht — nie eine gute Idee. Außerdem tut es mir gut, nach einem Vormittag gefüllt mit Impulsen und Nachdenken, mit Hin- und Herwälzen von Gedanken und mal mehr und mal weniger positiven Erkenntnissen über das eigene Leben und die eigene Beziehung zu G:tt zum Wasser zu kommen und das alles wieder loslassen zu können. Das Surfen hat den Kopf frei gemacht, das Grübeln beendet und – in den Momenten, in denen es gut funktioniert hat – mich eins werden lassen mit den Elementen Wind und Wasser. Am besten auch noch mit der wärmender Sonne im Gesicht.

Zum Anderen spiegeln sich im Windsurfen die Erfahrungen des (alltäglichen) Lebens. Lassen sie verständlicher werden. Machen sie greifbarer und erklärbarer. Nicht ohne Grund gibt es nach jeder Surfeinheit eine Runde „Vom Surfen fürs Leben lernen“. Und an jedem Tag fiel mir irgendwann nach dem Surfen auf, dass sich eine Situation auf dem Wasser genauso angefühlt hat, wie etwas, worüber ich vormittags nachgedacht oder bei einem Geh-Spräch geredet hatte. Jede, zum Teil eher abstraktere, Erkenntnis oder Lektion aus der Soultime konnte ich irgendwo während der Surftime deutlich sehen und erfahren.

Als Natursportart ist das Windsurfen abhängig von äußeren Bedingungen, auf die wir Menschen (zum Glück?) keinen Einfluss haben: Windstärke und -richtung, Wellengang und Wetter. Genauso wenig hat jeder Mensch, habe ich, Einfluss auf die äußeren Bedingungen in meinem Leben, denn vieles ist abhängig von den Entscheidungen und dem Verhalten anderer, Krankheiten o.ä. Aber ich kann diese Bedingungen nutzen und muss mich ihnen nicht hilflos aussetzen, genauso wie ich beim Windsurfen mit der Wahl der Segelgröße vorher und der Stellung des Segels währenddessen beeinflussen kann, was mit mir passiert.

Wie im Leben kann ich beim Surfen unterschiedliche Kurse setzen. Zumindest nachdem ich das Steuern gelernt und verstanden hatte, welche unterschiedlichen Kurse es gibt. Für manche Kurse brauche ich mehr Kraft, muss mehr Arbeiten (Amwindkurs), bei anderen geht es ohne größere Anstrengung hin und her (Halbwindkurs), manchmal eiere ich eher durch die Gegend (Vorwindkurs) und bei manchen läuft es wie von allein (Raumwindkurs). Nur eines geht wirklich nicht: mit dem Bug voraus gegen den Wind zu surfen, im nicht-segelbaren Sektor unterwegs zu sein. Ebenso kann ich im Leben nicht einfach mal so entgegen aller Widrigkeiten und Umstände irgendetwas erreichen. Aber hilflos bin ich auch hier trotzdem nicht. Stattdessen muss und kann ich Aufkreuzen, scheinbare Umwege nehmen, die mich erst einmal nicht direkt zu meinem gegen den Wind gelegenen Ziel führen. Aber am Ende erreiche ich es dann trotzdem.

Um zu wissen, was mein Ziel ist, und welchen Kurs ich dafür setzen muss oder ob ich ihn am Halten bin, dafür muss ich meinen Blick heben, mich umschauen und mir Fixpunkte suchen, an denen ich mich orientieren kann. Genauso muss ich in meinem Leben darauf achten, was um mich herum ist, was mein Ziel ist und überlegen, welche Wege ich für dessen Erreichen gehen muss. Muss selbst innehalten und im Blick behalten, in welche Richtung ich mich bewege und ob ich so meinem Ziel näher komme.

Ändert sich die Windrichtung oder mein Ziel oder bin ich ins Wasser gefallen und muss erst einmal wieder aufsteigen und Rigg & Bord wieder ausrichten, funktionieren die alten Fixpunkte und Kurse nicht mehr. Dann muss ich sie aufgeben, muss mich neu orientieren und sie neu wählen. Gleiches gilt für das Leben: Mein Ziel kann sich ändern, weil ich mich selbst ändere, weil ich neue Prioritäten setze oder meine Prinzipien überdenke. Und das ist gut so. Nur eisern einem Kurs folgen, ohne immer wieder mal zu schauen, ob das eigentlich wirklich noch das Ziel ist, zu dem ich möchte, ist langfristig nicht ideal. Andererseits kann sich auch vieles oder alles um mich herum ändern, seien es die Menschen, die mich umgeben, Möglichkeiten im Studium oder unerwartete Probleme oder Chancen im Bezug auf die Wohnungssituation. Dann habe ich neue Grundlagen, nach denen ich mein Ziel und meine Kurse setzen kann.

Und wenn keine Fixpunkte zu sehen sind oder ich Richtung offenes Gewässer mit endlosem Horizont unterwegs bin, dann brauch ich so etwas wie einen Kompass, um mich trotzdem orientieren zu können. Im Leben kann dieser Kompass G:tt sein. G:tt übernimmt dabei nicht jegliche Verantwortung und Arbeit für mich, sondern zeigt mir nur die unendlichen Richtungen und Möglichkeiten, die ich wählen kann. Wohin ich will und welche Richtung ich nehmen will, muss ich immer noch selbst wissen. Gleichzeitig führen viele verschiedene Kombinationen von Kursen und Strecken dorthin. Und ein längerer Weg ist vielleicht doch ganz gut, denn dadurch habe ich Zeit zu üben, zu lernen und auszuprobieren. 

Was ich aber immer bedenken muss, ist der Drift, der aufgrund von Wellen und Wind entsteht und der mich in eine Richtung drückt. Im Leben sind das meist die Meinungen und Handlungen von anderen. Manchmal hilft der Drift mir auf dem Weg zu meinem Ziel, gibt mir vielleicht sogar erst den Schubs in die richtige Richtung, die mir vorher nicht so bewusst war. Und manchmal muss ich gegensteuern, damit ich trotzdem noch mein Ziel erreichen kann. Dafür muss ich selbst bei voller Fahrt aufmerksam bleiben, um den Drift zu bemerken. Muss immer neu nach meinen Fixpunkten schauen und meine Ziele und Kurse hinterfragen und anpassen.

Bei einer Übung, in der wir eigentlich auf dem Wasser Fangen spielen und versuchen sollten, dem Kurs einer anderen Person exakt zu folgen, hatte ich Probleme, meiner Partnerin zu folgen, während sie mir im Gegenzug richtig gut hinterherkam. Ich wunderte mich, hinterfragte mich und meine Fähigkeiten. Bei einem nächsten Versuch waren wir auf einmal und unbeabsichtigt parallel unterwegs. Da ich auf der Luvseite war konnte ich sie gut beobachten. Dabei fiel mir auf, dass für uns zwar Wind, Kurs und Ziel gleich waren, aber ich in diesem Moment mehr arbeiten, stärker und häufiger gegensteuern musste, um auf Kurs zu bleiben – woran es auch immer lag: der Körperhaltung, dem Stand auf dem Board, am Material oder oder oder. Genauso ist es im Leben: für den gleichen Weg und das gleiche Ziel muss jeder unterschiedlich viel/stark arbeiten.

Als ich langsam besser wurde und nicht mehr jegliches bisschen Aufmerksamkeit benötigte, um nicht vom Bord zu fallen und trotzdem voranzukommen, fiel mir auf, dass ich nichts von meiner Umgebung außer meinen Fixpunkten mitbekam. Erst als ich mich sicherer fühlte, konnte ich nach den anderen schauen oder das Wolkenschauspiel am Himmel beobachten. Und vor allem merkte ich, dass ich vergessen hatte, zu lächeln und den Moment zu genießen. Auch das passiert mir manchmal im Leben, dass ich so fokussiert bin, dass ich nicht mitbekomme, wie verbissen und verspannt ich unterwegs bin. Dass ich vergesse mich zu entspannen und meine (kleinen) Erfolge zu erkennen und den Augenblick einfach zu genießen. Nicht erst das Ziel ist der Ort, um glücklich zu sein, auch auf dem Weg erlebe ich Momente des Glücks, des Stolzes, der Freude. 

Bei Surf&Soul geht es viel um die Balance und gefühlt läuft es bei allen Fragen und in allen Lebensbereichen auf das Ausgleichen der Extreme hinaus. Dabei geht es um die körperliche Balance auf dem Board, genauso wie um die mentale Balance in der Seele. Ersteres fiel und fällt mir tendenziell leichter. Auf dem Board sehe ich die Schieflage leichter und kann meist besser erkennen, was mich eigentlich gerade aus dem Gleichgewicht bringt. Und im Zweifel ist es spätestens für jemanden von außen erkennbar. Bei meinem ersten Geh-Spräch fragte mich Esther, was mich innerlich aus der Balance bringe. Und ich konnte es ihr nicht sagen, weil ich es selbst nicht wusste. Ich konnte immer nur spüren, wie etwas nicht passte und mich herunterzog. Ein paar Tage, stille Soulzeiten und Geh-Spräche später hatte ich Antworten darauf gefunden. Vielleicht – oder eher wahrscheinlich – längst nicht alle. Aber Esther hat mir mit ihrem Kurs und den Impulsen den Schlüssel in die Hand gedrückt. Hat mir die Zeit gegeben, die Wand zu finden, hinter die ich meine Sorgen und Probleme, meine größten Ängste gedrängt hatte, sodass ich sie selbst nicht mehr sehen konnte. Und sie hat mich ermutigt, die Tür, die durch diese Wand hindurch führt, nicht nur aufzuschließen, sondern auch zu öffnen, einzutreten und mich dem entgegenzustellen, was ich dort finde. Sie hat mich dabei begleitet und mir neue Perspektiven gezeigt. Dank ihr und den Impulsen und Inhalten von Surf&Soul hatte ich am Ende der Woche das gefunden, zu dessen Suchen und Finden ich am Anfang aufgebrochen war und was ich, ohne es zu wissen, schon vorher bei mir getragen hatte: meinen Kompass.

 

Surf&Soul ist für mich, …

… wenn mir beim abendlichen Zähneputzen Erkenntnisse über G:tt & das Leben in Form von Windsurf- und meeresbezogenen Analogien kommen.

… Auszeit vom Alltag ohne die Probleme des „Reallife“ zu verdrängen oder zu vertagen.

… zugleich Arbeit & Anstrengung wie Erholung & zur Ruhe kommen für Körper und Seele.

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